Bericht Grünkohlfahrt 2013

Grünkohlfahrt 2013

 

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 Geschrieben von Jutta 

 

Einige Teilnehmer reisen bereits am Vorabend an und werden nach freundlicher Begrüßung durch Dirk, der zusammen mit seiner Frau Heidi für die Trierer Kanufahrer als Hausmeister tätig ist, von diesem mit Schlafplätzen und Bootshausschlüsseln versorgt.

 

Ab Samstagmorgen tröpfeln langsam aber stetig Kanuten aus Dormagen, Bonn, Mehlem, Remagen, Brohl, Koblenz-Metternich, Vallendahr, Gründau-Lieblos, Marbach/Neckar, Bitburg, Zweibrücken, Saarbrücken, Saarlouis, Völklingen, Kaiserslautern, Trier und Luxemburg ein; ein Teil der erwarteten 56 Teilnehmer wird direkt an der Einstiegstelle südlich von Rosport auflaufen.

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Nach einem reichhaltigen Verwöhnfrühstück werden die Boote verzurrt und die Paddler auf die Autos verteilt. Zwei Vereinsbusse mit voll beladenen Bootsanhängern und mehrere Privatwagen machen sich auf den Weg Richtungen Ralingen. Über die Grenzbrücke Ralingen-Rosport wird die Sauer überquert, um die Einstiegstelle an der luxemburgischen Nationalstraße von Echternach nach Wasserbillig gegenüber von Wintersdorf anzusteuern.

Gegen 10 Uhr wird mit dem Einsetzen der Boote begonnen. Da es einige Zeit braucht, um 54 Boote abzuladen und auf das Wasser zu bringen, nutzen die, die als erste auf dem Wasser sind, die Zeit zur Bootsgewöhnung nach der Winterpause, zum Aufwärmen der Muskulatur oder um sich noch mit dem einen oder Mitpaddler bekannt zu machen. Kleidungstechnische Korrekturmaßnahmen angesichts des überraschend milden Wetters sind auch zu beobachten. Die Zweierbesatzungen spielen sich aufeinander ein.

 

Bis auf die versuchte Fahnenflucht eines einzelnen Paddels, die jedoch schnell von einem schon auf dem Wasser befindlichen Teilnehmer vereitelt wird, verhalten sich Mensch und Material kooperativ, so dass einem geordneten Aufbruch bald nichts mehr im Wege steht.

 

Vor uns liegen dreizehn Sauer-Kilometer, deren Befahrung vom Deutschen Flusswanderbuch des DKV-Verlages – völlig zu Unrecht – aufgrund von Wassermangel und -verschmutzung als wenig ratsam eingestuft werden und die daher auch im Flussführer beschreibungstechnisch völlig ignoriert werden.

 

Wir konnten uns jedoch überzeugen, dass die Sauer um diese Jahreszeit genügend Wasser führt, das auch dem optischen und geruchlichen Eindruck nach durchaus akzeptabel ist. Dem geneigten Paddler sei auch gesagt, dass im gesamten Unterlauf der Sauer das Nachholen von PKWs durch gute Busverbindungen auf der luxemburgischen Seite erleichtert wird. Gut und günstig – ein zwei Stunden geltendes Busticket kostet nur zwei Euro.

 

Auch das Fahrrad bietet sich an Sauer und Mosel als adäquates Mittel zur Nachholung von PKWs an. Die weitgehend flachen Radwanderwege verbinden die Sauermündung bei Wasserbillig (L) mit Ettelbrück (L) am Zusammenfluss von Alzette und Sauer. Von Wasserbillig bis Echternach/Echternacherbrück kann man sogar wahlweise auf der deutschen Seite (Sauertal-Radweg) oder der luxemburgischen Seite (Piste Cyclable  de la Basse-Sûr) der Sauer radeln, wobei der Ausbau der Strecke auf der luxemburgischen Seite deutlich besser ist. Über mehrere Brücken kann man mit dem Rad zwischen beiden Strecken wechseln (Alte Sauerbrücke Echternach-Echternacherbrück, Fußgängerbrücke Steinheim-Minden, Grenzbrücke Rosport-Ralingen, Fußgängerbrücke Moersdorf-Metzdorf, Grenzbrücke Langsur im Scheitelpunkt der letzten Sauerschleife).

 

Ab Echternacherbrück flussaufwärts verlaufen auf luxemburgischer Seite Radwege (pistes cyclables / PC) entlang der Sauer oder der Our über Reisdorf nach Ettelbrück oder über Reisdorf nach Vianden (pistes cyclables PC 16 und PC 3). Die einschlägigen Suchmaschinen im www fördern da einiges an Informationen zutage, und es übernachtet sich ganz trefflich im Bootshaus der Trierer Kanufreunde. Dieses hat auch einen in der Regel gut mit Moselweinen bestückten Kühlschrank zu bieten.

Dank der guten Strömung der Sauer geht es mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von neun Stundenkilometern vorbei an Hinkel (L), Born (L), Metzdorf (D), vorbei an der verfallenen Mühle von Moersdorf (L), vorbei an einem Nilgans-Paar mit drei Küken (kein Wunder, dass den heimischen Stockenten angesichts der Fortpflanzungsfreudigkeit dieser eingewanderten Halbgänse angst und bange wird), vorbei an Mesenich (D) und Langsur (D) bis zur Mündung der Sauer in die Mosel bei Wasserbillig (L). Die Sauer ist auf dieser Strecke Grenzfluss zwischen Deutschland und Luxemburg und stellt – wie die Mosel von Schengen bis Wasserbillig – ein Kondominium dar, d.h. sie gehört auf der gesamten Breite sowohl zum Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland als auch zum Territorium des Großherzogtums Luxemburg.

 

Da der gemeine Paddler seinen Proviant meistens selbst verzehrt oder mit dem Mitpaddler teilt statt mit dem gemeinen Schwan und der Schwan jahreszeitenbedingt noch keinen Nachwuchs hüten muss, ist unsere Gruppe uninteressant für die in der Sauermündung dümpelnde Schwanen-Armada. Und friedliche Schwäne sind schöne Schwäne.

 

Bei Wasserbillig (Mosel-km 206) biegen wir nach links ab in die ab hier beiderseits deutsche Mosel. Wenige Kilometer später, bei Wasserliesch (km 203), endet das Engtal der Mosel und das breite Trierer Becken kündigt sich an. Aber vorher steht noch eine willkommene kollektive Rast an: Schräg gegenüber des noch erhaltenen Brückenkopfes der 1912 in Betrieb genommenen und 1945 zerstörten Hindenburg-Brücke, über die seinerzeit hauptsächlich mit Kohle und Koks beladene Güterzüge auf der Strecke Konz-Igel unterwegs waren, legen wir an einer Betonrampe an, von der ich später lerne, dass diese Art von Flussquerungen als Natorampe bezeichnet werden und in der Zeit des Kalten Krieges angelegt wurden, um der Bundeswehr im Verteidigungsfall das Queren von Flüssen und Strömen zu erleichtern.

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Kurze Zeit später taucht Gottfried, der gekonnt von der Rolle des Wanderwarts in die Rolle des Marketenders geschlüpft ist, mit Bus, Hänger und 16 Litern Tomatensuppe auf. Die Suppe ist so gut, das manches morgens als Wegzehrung geschmierte Brötchen im Stauraum bleibt und einem ungewissen Schicksal als Hasenbrot entgegensieht.

Der Suppenvorrat ist reichlich, so dass auch für Burkhard, der selbstlos wieder einmal die etwas undankbare, weil wenig bemerkte, Aufgabe des Besenbootes übernommen hat, noch etwas übrig bleibt. Gottfried schenkt Grünkohlschnaps aus. Thomas stößt mit dem ältesten Teilnehmer der Fahrt, Bernd vom Kanuverein Zweibrücken, auf die Liebe an. Bernd ist da pragmatischer und setzt mehr auf die wärmende Wirkung des Klaren.

 

Nach Suppe und Schnaps und der Gelegenheit, Fotos von vielen Menschen mit mehr oder weniger kleidsamer Schürze vor dem Bauch zu machen, geht es wieder auf das Wasser. Vor uns liegen noch ungefähr zwölf Moselkilometer. Wir paddeln mit ca. 7 Stundenkilometern vorbei an der rechtsseitig liegenden Mündung der Saar in die Mosel (km 200,8) und am linksseitig liegenden Barockschloss Trier-Monaise (km 197,7) und erreichen die Staustufe Trier (km 195,8), deren Sportbootschleuse nach der letztjährigen Renovierung bereits seit Herbst 2012 wieder außer Betrieb ist. Aber Umtragen macht warm, und es lockt das Kuchenbuffet im Bootshaus.

 

Nachdem alle wieder talseitig auf dem Wasser sind, reißt der Himmel auf und schüttet Sonnenschein über uns. Bald grüßt uns von der Römerbrücke (km 193,1) der Patron der Schiffsleute, der Heilige Nikolaus. Karli, Trierer Ureinwohner, gibt eine kurze Fremdenführung, zeigt uns die Mariensäule, die Europäische Kunstakademie im ehemaligen Schlachthaus, das Priesterseminar, das Weißhaus und klärt uns darüber auf, dass für den Trierer die Römerbrücke (die älteste Brücke Deutschlands) aus dem Jahr 17 v.Chr. schlicht und einfach die Alte Moselbrücke, die Kaiser-Wilhelm-Brücke (km 191,7) dagegen die Neue Moselbrücke ist – und das seit 1913. Die 1973 erbaute Konrad-Adenauer-Brücke (194,5), die wir vor der Alten und der Neuen Moselbrücke unterquert haben, hat keinen besonderen Eindruck im kollektiven Gedächtnis der Trierer hinterlassen und konnte der Kaiser-Wilhelm-Brücke ihren Namen als Neue Moselbrücke nicht streitig machen.

 Wir lernen auch, dass die nahe dem rechten Ufer liegende längliche Insel vor und unter der Kaiser-Wilhelm-Brücke die Pferdeinsel und der zwischen der Pferdeinsel und dem rechten Moselufer liegende Moselnebenarm die heute als Laichschutzgebiet ausgewiesene Pferdemosel ist und in bestimmten Monaten nicht befahren werden darf. Pferdemosel, Pferdeinsel und der am Ufer verlaufende Leinpfad weisen auf die gefährliche Arbeit des Treidelns hin, die an der Mosel, wie an vielen anderen Flüssen auch, eine lange Tradition hatte. Über den Leinpfad mussten früher Treidelknechte und Pferde mit Hilfe von Seilen die stromaufwärts fahrenden Schiffe ziehen. Dass schon zu Zeiten der Römer getreidelt wurde, kann man beispielsweise zwei Treidelszenen auf der berühmten Igeler Grabsäule entnehmen.

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 Und dass schon zu Zeiten der Römer ein Teil der Fracht, die da stromaufwärts getreidelt wurde, Wein war, zeigt beispielsweise das Neumagener Schiff, der berühmteste Teil der archäologischen Funde aus Neumagen, die heute im Rheinischen Landesmuseum Trier ausgestellt sind. Dass dieser Wein nicht nur getreidelt sondern auch getrunken wurde, ist dem weinseligen Steuermann des Neumagener Weinschiffes anzusehen.

 

 Ein mundartliches Gedicht des heute nicht mehr sehr bekannten Trierer Heimatdichters Louis Frère (1873-1939), der auf dem Trierer Hauptfriedhof beigesetzt ist, beschwört diese Liebe zum Wein:

 

 

 

 Et Neimaogener Schöff

 Wie winke Berg on Hiewel allegaoren!

Wie blinkt de Musel hell öm Sonnenschein!

De Staan verzehlt: Hei of der Musel sein

vir mieh wie annerthalwen dausen JaohrenDSCI0040

 

schons Schöffleit rof nao Trier gefaohren,

de Ke.in geföllt met Wein, met Muselwein!

Et waore Mensche, wie se heit noch sein

o mussten seich wie heit de Mensche plaogen.

 

Schwer lei’n de Schöfferknächt ön hire Riemen

o von dä Fässer kömmt en wörzeg Loft,

o rondom treift o schafft et ön de Rewen.

 

Kuck lao aom Steier hönnen die zwei Ihmen!

Wie schnauwen sei dä feine, liewen Doft

on denken: ’t öß doch noch derwert ze lewen!

 

 Wie die Treidelknechte mussten wir uns nicht plagen. An den alten Fisch- und Mühlenwehren der Sauer ist niemand gescheitert. Und auch die Mosel war gut zu uns. Nach einer entspannten Tour werden wir verwöhnt mit Kaffee und Kuchenköstlichkeiten. Stühle werden auf die Terrasse in die Sonne gestellt, um Karli und Alfred bei der Arbeit an den Pfannen zusehen zu können, die Sonne zu genießen, alte Bekanntschaften aufzufrischen und neue zu machen.

 

Bei Bratkartoffeln und Grünkohl geht ein herrlicher Tag unter netten Leuten an einem schönen Fluss zuende.

 

Danke an alle fleißigen Trierer Kanufahrer, egal, ob sie an vorderster Front oder im Hintergrund gewirkt haben.

 

Nach der Fahrt ist vor der Fahrt. Bis bald, bas geschwënn.

 

 

– Jutta –

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