“Dalsland Kanot Maraton+” oder: Schweden für Eilige, ein Erlebnisbericht von Hartmut Zoppke und Sohn

Kanu fahren in Dalsland – damit verbindet man unberührte Natur, Seen mit Trinkwasserqualität, Ruhe fern des Alltags, Genießen und Ausspannen. Kurz gesagt: Genuss-Paddeln.

Anders beim Dalsland-Marathon+: die faszinierschöne Szenerie ist die gleiche und zum Trinken reicht auch hier ein Becher, mit dem man neben dem Boot schöpfen kann, aber es wird stundenlang an der Leistungsgrenze und oft jenseits der Schmerzgrenze gekämpft. Das “+” steht übrigens für die zusätzlichen 13km, die man nach der normalen Marathon-Distanz noch zurücklegen muss, bis man, abhängig vom persönlichen Leistungsniveau, nach 4½ bis 12 h die erlösende Ziellinie überfährt. Gepaddelt wird auf Laxsjön, Svärdlång, Västra Silen und dem endlos erscheinenden Lelång. Vertraute Namen für Schweden-Paddler und wunderschöne Gewässer. Es gibt 3 bzw. 4 Umtragestellen, an denen man Energiegetränke, Bananen, Brotstücke und Salzgurken bekommen kann.

Warum tut ihr euch das eigentlich an, fragen uns immer wieder Freunde: monatelang zu trainieren, um dann den Körper nach 1400 km Autofahrt über 6 Stunden zu quälen, so dass er sich erst nach Tagen wieder davon erholt? Ist es die Adrenalin-Ausschüttung beim Start, wenn die Paddel von 700 Booten den sonst so ruhigen Laxsjön aufwühlen oder das schöne Gefühl, wenn irgendwann danach der Schmerz nachlässt? Es ist viel mehr, wie die folgenden Eindrücke vom 8. August 2009 vermitteln sollen.

Gegen 7 h morgens treffen die Busse von Bengtsfors mit den Teilnehmern am Start in Baldersnäs ein. Die bewachte Wiese, auf der hunderte Flachwasser-Rennkajaks, Marathon-Rennboote, Surfskis, Seekajaks und Canadier auf ihren Einsatz warten, ist noch vom Tau nass. Die Sonne ist gerade aufgegangen, Nebel liegt noch über dem ruhigen See. Letzte Vorbereitungen: Startnummern aufs Boot aufkleben, Sonnenschutzcreme auftragen, mit den letzten Bananen oder Energieriegeln vor dem Start den Körper für die kommenden Stunden auftanken. Die ersten tragen ihre Boote ins Wasser, am Ufer und am Steg wird es allmählich eng. Man paddelt sich ruhig ein, taxiert sich auf dem Wasser und versucht sich ganz allmählich in eine gute Startposition auf dem weiten See zu schieben.
8h: der Startschuss fällt. Jetzt heißt es erst einmal: Gas geben, ohne die Muskeln auf den ersten Kilometern zu überlasten, um am Nadelöhr der ersten Umtragestelle nach 6,5 km keine Zeit durchs Warten zu verlieren. Wir heften uns an unsere Hauptkonkurrenten: das C2-Team aus Tibro in Schweden, das bei den beiden letzten Rennen jeweils 35 Minuten schneller war – für uns der Maßstab, aber vorerst unerreichbar. Die kleine Gruppe der K1-Herren-Elite verschwindet wieder nach kurzer Zeit am Horizont. Sie paddeln die 55km offenen Gewässers in 4:20 h. Wir halten gut mit der übrigen Spitzengruppe mit. An der Umtragestelle passiert dann das Malheur: zwar sind am Kiesufer Matten ausgelegt, aber kurz davor verschwindet Simon beim Aussteigen bis zum Bauch in einem Loch. Er rappelt sich auf und will schnell mit dem Boot loslaufen, übersieht dabei aber, dass ich im langen Marathon-Canadier noch über tiefem Wasser sitze und kippt mich ins Wasser. Eine kostbare Minute verrinnt beim Ausleeren des Bootes und Einsammeln der Utensilien. Dann die 390 m den Berg raufgesprintet zum Steg, unterwegs einen angereichten Becher Energiegetränk runtergekippt.
Die nun folgende 13,6 km-Etappe auf dem engen waldgesäumten Svärdlång sortiert das weite Feld. Jetzt geht es darum, sein Tempo zu finden und nicht zu vergessen, regelmäßig zu trinken. Zunächst nur Wasser aus dem See, denn die Flaschen mit isotonischem Sportgetränk liegen im Auto. Nach gut 1½ h die nächste Umtragestelle mit Depot: wir füllen die leeren Flaschen auf, schieben hastig ein Stück Banane in den Mund und müssen dabei mit ansehen, wie ein neues C2-Team aus Mecklenburg an uns vorbeirennt. Ihre Begleit-Crew tauscht im Laufen ihre Trinksystem-Beutel gegen volle.

Auf der Straßenbrücke zum Västra Silen stehen wieder zig Zuschauer, die die Wettkämpfer begeistert anfeuern. Das gibt Gänsehautgefühl und setzt zusätzliche Kräfte frei. Kurz dahinter mitten im See eine Radarfalle der schwedischen Polizei – auch der Spaß kommt nicht zu kurz. Und auch das kleine Streich-Orchester musiziert wieder am Ufer und signalisiert uns, dass das erste Drittel geschafft ist.

Wir arbeiten uns wieder an unsere neuen Konkurrenten heran, die an der Umtragestelle mindestens eine Minute eingespart haben und merken schon, dass es sehr schwer werden wird, dieses hohe Tempo zu halten. Diese Jungs sind wirklich gut! Dafür fallen einige K1- und K2-Paddler, die bisher mit uns gefahren sind, allmählich zurück. Eine kleine Reihe ziehen wir aber immer mit, auf den Canadier-Heckwellen kann man schließlich Kräfte sparen. In Gustavsfors nach 34 km legen wir 10 Sekunden nach dem zweiten C2-Team an, aber auch hier können sie dank Unterstützung durchlaufen, während wir uns 1-2 Minuten zum Auffüllen der Vorräte gönnen. Wir oder besser unsere Körper beschließen bald, dass wir nun einen guten 3. Platz rausfahren müssen. Immerhin steht noch das Ziel, erstmals unter der 6-Stunden-Grenze zu bleiben.

Die 21 km-Etappe auf dem Lelång ist die härteste und längste, objektiv wie subjektiv. Auf dem weiten See bauen sich beachtliche Wellen auf und der Wind bläst hier ungebremst, meist von Süden gegen an. Zunächst hält es sich noch in Grenzen, aber hinter der Landzunge von Herrenäs, letztes Depot und Umtragestelle nur für die Elite-Gruppe, blasen uns volle 4 Windstärken ins Gesicht und spülen fortlaufend Wasser auf unseren in letzter “Minute” gebauten Wellenabweiser am Bug. Ohne ihn wäre unser flacher offener Marathon-Canadier nach wenigen hundert Metern vollgelaufen. Jetzt heißt es kämpfen, auch wenn man sich schon gar nicht mehr vorstellen kann, dass dies hier irgendwann ein Ende nimmt.

Wenig später schwimmt kurz vor uns ein Paddler mit seinem Rennkajak mitten im See. Wir fragen uns eh, wie man das hier im schmalen Flachwasserboot ausbalancieren kann. 700 m vom Ufer entfernt ist dies kein Spaß mehr. Natürlich fahren wir hin und helfen ihm. Simon hält die Süllränder zusammen, ich stabilisiere unser Boot mit dem Paddel. Der Kollege schafft es mit einigen Schürfungen wieder einzusteigen und ist dankbar. Das waren zwar wieder 2 Minuten, aber es gibt Prioritäten.

Irgendwann biegt man um die letzte Ecke des Sees vor Bengtsfors und kann den Zielbereich sehen. Entfernung: Römerbrücke – TKF, gefühlt: dreimal so weit! Aber jetzt steht fest: man schafft es und kurze Zeit später überfahren wir unter Applaus als drittes C2-Team die Ziellinie. Das Boot aus dem Wasser tragen, erst einmal alle Viere von sich strecken, duschen und dann die obligatorische Lasagne mit Salat vom Veranstalter. Bewegen fällt noch schwer, alles tut weh, aber wir sind glücklich, dass wir es als eingespieltes Vater-Sohn-Team wieder einmal geschafft haben.

Ein bisschen enttäuscht? Schließlich war es die letzten beiden Male der 2. Platz und die 6h-Grenze steht für uns auch immer noch. Nein, im Gegenteil: wir haben uns 10 Minuten näher an das Spitzenteam herangearbeitet, haben trotz starkem Gegenwind auf der letzten Etappe unsere Zeit vom letzten Jahr halten können und liegen nebenbei mit unserem Canadier im vorderen Fünftel der K1- und K2-Herrenkajaks, vorwiegend Flachwasser- und Marathon-Rennboote. Und das neue C2-Team hat mit 5½ Minuten Vorsprung seinen 2. Platz verdient. Der Preis dafür war hoch: einer der beiden zeigt uns beim Gratulieren seine blutigen Handinnenflächen vom Kohlefaserpaddel ohne Handschuhe. Dahinter steckt schon eine enorme mentale Stärke (Nichtsportler würden sagen: Selbstverachtung oder Masochismus) wenn jemand damit so weiterpaddelt.

Noch 4 Stunden später, während der Siegerehrung, laufen unablässig Boote ins Ziel ein. Jeder kann hier sein Rennen fahren und seine persönliche Leistungsgrenze ausloten. Und auch die Leistung der Spätankömmlinge wird von einem freundlichen und begeisterten Publikum mit Applaus honoriert.

Vielleicht fährt ja 2010 einmal ein voller TKF-Bus mit Bootsanhänger zum Dalsland Kanot Maraton+ ?

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