487 Kilometer von Prag nach Magdeburg:
Moldau und Elbe 2006

Bericht von Josef Still
Fotos: Edith Hein und Josef Still



Musik: Friedrich Smetana: Die Moldau




Strecke:

  • 59 Kilometer Moldau (Tschechien)
  • Nach Mündung in Elbe bei Melnik 105 Kilometer tschechische Elbe
  • Nach Grenzübergang Tschechien/Deutschland 323 Kilometer deutsche Elbe

Kanuführer:

  • DKV-Flussführer
  • Wassersport-Wanderatlas Elbe Heft E1: Obere Elbe von Decin bis zur Havelmündung (Jübermann-Kartographie und Verlag)

Tagesetappen:


Sonntag, 30. Juli


Prag bis Kralupy, 6 Schleusen


37 km

Montag, 31. Juli

Kralupy bis Steti, 3 Schleusen
Pause in Melnik bei Moldaumündung

37 km

Dienstag, 1. August

Steti bis Leitmeritz (Litomerice)
2 Schleusen

29 km

Mittwoch, 2. August

Leitmeritz bis Dolni Zleb; Pause in Aussig (Usti), 2 Schleusen

60 km

Donnerstag, 3. Aug.

Dolni Zleb bis Dresden-Laubegast.
Grenzübertritt Tschechien-Deutschland. Pause im Kurort Rathen

50 km

Freitag, 4. August

Pausentag in Dresden

0 km

Samstag, 5. August

Dresden bis Meißen
Pause in Radebeul

32 km

Sonntag, 6. August

Meißen bis Mühlberg
Pause in Riesa

46 km

Montag, 7. August

Mühlberg bis Fährhaus Pretzsch
Pause in Torgau

58 km

Dienstag, 8. August

Fährhaus Pretzsch bis Coswig; Pause in Wittenberg

50 km

Mittwoch, 9. August

Coswig bis Aken; morgens Radtour zum Landschaftspark Wörlitz

41 km

Donnerstag, 10. Aug.

Aken bis Magdeburg; Pause in Schönebeck

47 km


Tagesschnitt (11 Tage) 44,3 km;  S U M M E:

487 km

Faltboote:

  • Klepper T 67 (Einer)
  • Klepper T 9 (Einer)
  • Klepper AE II Expedition (Zweier)
  • Klepper AE II Classic (Zweier)
  • Pouch RZ 85 (Zweier)

Paddler

aus Trier, Koblenz, Ulm, Deggendorf

Zeltplätze

gibt es in Tschechien ab Prag nur wenige:

  • Prag (Braník und Troja)
  • In Roudnice (etwa 10 km nach Steti) soll es einen Zeltplatz o.ä. geben.
  • Leitmeritz
  • In Decin soll es einen geben (nach dem Schloss rechts); wir haben ihn vom Ufer aus nicht gesehen und die starke Strömung hat uns schnell weitergetrieben.

In Deutschland sieht es ein wenig besser aus. Hier allerdings zelteten wir immer bei Kanu- und Ruderclubs, die allesamt gut und modern ausgestattet sind (DKV-Ausweis mitnehmen, es gibt Ermäßigung!). Einzig in Pretsch beim Fährhaus zelteten wir nochmals wild.

Kraftwerke und Schleusen

An der Moldau gibt es auf 59 Kilometer 7 Schleusen. Die Strömung war daher – auch wegen des Niedrigwassers gleich Null. Etwas besser wird es auf der Elbe, wo es in Tschechien weitere 6 Schleusen gibt. Die letzte ist bei Aussig/Usti und von da an geht es mit kräftiger Strömung weiter. Wir mussten unsere schwer bepackten Kanus übrigens nie umtragen: Man hat uns überall problemlos geschleust.

Schifffahrt

Der Schiffsverkehr ist durchweg spärlich. Gelegentlich trifft man Frachter oder moderne Kabinenschiffe. Rund um Dresden fahren wundervolle historische Personenraddampfer.

Fähren

Sowohl auf der tschechischen als auch auf der deutschen Moldau gibt es zahlreiche Fähren, die tatsächlich zwischen den Ufern “pendeln”: Ein etwa 100 Meter langes, durch Schwimmer an der Wasseroberfläche gehaltenes Drahtseil spannt sich zwischen der Fähre und der festen Pendelachse, welche durch eine gelbe Boje markiert ist und welche sich meist in der Nähe eines Ufers befindet. Dies bedeutet, dass die Fähre die Elbe unpassierbar macht, wenn sie gerade auf der gegenüberliegenden Seite anlegt. Vorsicht: Auch wegen der starken Strömung muss gelegentlich ein paar Minuten gewartet werden, bis die Fähre den Fluss wieder freigibt.

Kleiner Fahrtenbericht

Den Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart, dessen 250. Geburtstag 2006 ausgiebig gefeiert wird, bringt man in aller Regel mit Salzburg und Wien in Verbindung. Eine ganze Reihe von Kompositionen aber hat er für die böhmische Hauptstadt Prag geschrieben. Seine Oper “Don Giovanni” etwa wurde in Prag uraufgeführt. Die Prager haben ihn vermutlich weit mehr geliebt und seine überragende Größe mehr begriffen als die Wiener.

Daher begann die überwiegend aus Musikern bestehende Paddelgruppe die Tour mit einem Besuch des “Don Giovanni”, im Ständetheater, dem Ort der Uraufführung. Zur Besichtigung der “Goldenen Stadt” ließen wir uns zwei volle Tage Zeit und schauten uns die Kleinseite, das Strahov-Kloster, die Deutsche Botschaft (Lobkowitz-Palais; Beginn der deutschen Einheit 1989), die Burg mit dem Veitsdom, das jüdische Viertel, den Altstädter Ring mit Teynkirche und astronomischer Uhr, das Jugendstil-Konzerthaus, den Wenzelsplatz und vieles andere an.


Musik Prag: W. A. Mozart – Beginn der Don-Giovanni-Ouverture




Den ersten Paddelschlag machten wir also erst am dritten Tag, als wir im Süden der Stadt im Ortsteil Branik beim Campingplatz “Kotva Branik” (Praha 4, U ledáren 55, www.kotvacamp.cz, kotva@kotvacamp.cz) starteten. Der Platz, an dem es auch recht billige Mehrbettzimmer zu mieten gibt, dürfte für Paddler ideal sein:

  • Bequeme Anreise für Faltbootfahrer mit der Bahn zum Bahnhof Branik
  • Mit der Straßenbahn ist man in einer knappen halben Stunde in der Altstadt.
  • Die Preise im Kotva Branik (samt Kneipe, die auch gutes Frühstück macht) sind äußerst günstig.
  • Beim Start in Branik beginnt die Fahrt gleich mit einem Highlight: der Durchquerung von ganz Prag.

Bilder aus Prag

Prager Burg mit Veitsdom

Paddler in der Straßenbahn

sonderbare Häuser am Moldauufer

Paddler auf der Karlsbrücke

Karlsbrücke

Visehrad-Felsen


Blick vom Strahov-Kloster


Braník-Bier

astronomische Uhr im Prager Rathaus



In der Tat kamen wir trotz frühen Starts erst am Nachmittag an das nördliche Ende der riesigen Stadt. Ziel war Kralupy, wo wir beim Motorbootclub (rechts) unsere Zelte aufschlugen und im vereinseigenen Restaurant ein opulentes Abendessen bekamen.


Wegen des Niedrigwassers entschieden wir uns tags darauf für den etwa 12 Kilometer langen Seitenkanal der Moldau, der landschaftlich und strömungsmäßig tatsächlich wenig attraktiv ist. Immerhin wird man kurz vor dem Moldau-Ende mit einer schönen historischen Schifffahrtsschleuse entschädigt. Spätestens ab hier zieht das Schloss von Melnik, bei dem Elbe und Moldau zusammenfließen, alle Blicke auf sich. Selbstverständlich machten wir in Melnik Pause, stiegen zu Schloss und Altstadt hinauf und genossen den wunderbaren Ausblick. Vorbei an Weinbergen und unterbrochen durch ein kräftiges Gewitter ging die Fahrt schließlich weiter bis Steti, wo wir neben einer Fabrik die Zelte wild aufstellten.





Ein weitaus schöneres Ziel als Steti war einen Tag später Leitmeritz, eine der wichtigsten Städte im Sudetenland. Dort ist direkt neben dem Segelclub (“Jachetni Oddil”, rechtes Ufer; breite Rampe zum Anlegen) ein schöner moderner Campingplatz mit guter Kneipe. Abends flanierten wir noch durch die wunderbare Altstadt. Ursprünglich hatten wir vor, das wenige Kilometer entfernte KZ Theresienstadt zu besuchen; wegen einiger Gewitter untertags und diverser Regengüsse war unser Zeitplan aber durcheinandergekommen.








Für den kommenden Tag waren nur 28 km bis Usti (Aussig) geplant. Bei einem guten spanischen (!) Mittagessen in der berühmten Universitätsstadt packte uns aber der Ehrgeiz und wir wollten es noch bis Decin schaffen. Aus Versehen aber kamen wir noch ein Stück weiter als Decin, da wir dort vergeblich nach dem Campingplatz Ausschau hielten und plötzlich schon am Stadtrand mit seinem großen Hafengebiet waren. Die Landschaft wurde dann immer malerischer und in der Dämmerung stellten wir unsere Zelte neben dem Fähranleger von Dolni Zleb am linken Ufer auf. Am letzten Abend in Tschechien langten wir in einem Gasthof nochmal kräftig zu, auch beim guten und für uns sehr preiswerten Bier.





Kurz nach Decin hatte schon das Elbsandsteingebirge begonnen, das nach der deutschen Grenze auch den Namen “Sächsische Schweiz” trägt. Am Grenzübergang kann man an der tschechischen Abfertigung offenbar bedenkenlos vorbeipaddeln; der deutsche Zoll jedoch hupte uns ein paar hundert Meter weiter an das rechte Ufer heran, wo unsere Ausweise genauestens in Augenschein genommen wurden. Möglicherweise hatten wir unseren Verwahrlosungszustand selbst falsch eingeschätzt…..




Nach einem schönen Mittagessen im Kurort Rathen wurde uns beim Anblick der Rechnung schmerzlich klar, dass wir wieder in Deutschland waren. Viele historische Raddampfer begeneten uns noch an diesem Tag, auch eine Reihe von Paddelanfängern, die sich beim Bootsverleih für ein paar Elbekilometer ein Schlauchboot gemietet hatten. Bei Schloss Pillnitz – mit Prunktreppe bis zum Elbewasser – waren wir fast am Ziel: Die Paddelfreunde vom “Kanuverein Laubegast” am Stadtrand Dresdens erlaubten uns, die Zelte aufzustellen und händigten uns voller Vertrauen gleich für drei Tage den Schlüssel zum prächtigen Bootshaus aus.



Die Straßenbahn, deren Haltestelle gleich um die Ecke ist, brachte uns am nächsten Tag ins Zentrum Dresdens. Den Pausentag nutzten wir zum Anschauen von Zwinger, Hofkirche, Schloss, neu rekonstruierter Frauenkirche und Kreuzkirche. In der direkt an der Elbe gelegenen Semper-Oper wurden allein neun Opern von Richard Strauss uraufgeführt, darunter auch der “Rosenkavalier”.





Musik Dresden: Richard Strauss – Rosenkavalier-Walzer






Nachmittags stand der Besuch des hochinteressanten und architektonisch bedeutenden Hygienemuseums mit vorbildlich präsentierten medizinisch-anatomischen Themen auf dem Programm. Im Erdgeschoß des Museums lief zudem die ausgezeichnete Sonderausstellung “Mythos Dresden”. Der Tag klang bei einer Brotzeit in einem Biergarten neben der Brücke “Blaues Wunder” aus.

Dresden-Bilder

Kanuclub in Dresden

Dresden

Die Brücke “Blaues Wunder”

“Blaues Wunder” mit Dampfschiff “Leipzig”

Die Frauenkirche vor der Zerstörung im 2. Weltkrieg


Hatten wir in den ersten Tagen Regen nur im Zusammenhang mit Wärmegewittern erlebt, wurde nun der Wetterbericht richtig schlecht. Bei der majestätischen Fahrt durch Dresden waren wir alle gut eingepackt in Regenumhänge; die Fotoausbeute war entsprechend dürftig. Zum Glück ging es nur bis Meißen; kurz zuvor schüttete es nochmals gewaltig. Beim Meissener Ruderclub „Neptun“ 1882 e.V. am Ortsanfang links konnten wir in einem 10er-Schlafsaal übernachten. Durch ein Abendessen in einem für uns eigentlich eine Spur zu eleganten Restaurant neben dem Meißener Dom erlangten wir unsere gute Laune zurück.

Der kommende Morgen jedoch zeigte sich wieder von der grauesten Seite und mit lautstark prasselnden Spritzdecken ging es weiter elbabwärts. Wir waren schon versucht, angesichts des im Wetterbericht prognostizierten mehrtägigen Dauerregens zu verzweifeln, da kam gegen Mittag langsam der blaue Himmel wieder zum Vorschein und verschonte uns sogar für mehrere weitere Tage mit Niederschlägen. Gezeltet wurde beim SV Empor Mühlberg/Elbe e.V. in einem rechten Seitenarm der Elbe, wo wir mit großer Gastfreundschaft im neu renovierten Vereinshaus begrüßt und betreut wurden.





Landschaftlich ändert sich im weiteren Verlauf des Flusses wenig. Dennoch ist das Paddeln auf dem weitgehend naturbelassenen Fluss von großem Reiz. Die sehr gute Strömung macht aufmerksames Fahren erforderlich. Das System der Buhnen, Bojen und Richtzeichen ist eine gewisse nautische Herausforderung und erinnerte uns an die bayerische Donau. Die Mittagspause am nächsten Tag war in Torgau; gezeltet wurde abends wild neben dem Wirtshaus “Fährhaus Pretzsch”.

Zwei prächtige Wassersportzentren lernten wir am nächsten Tag kennen: das eine in der Lutherstadt Wittenberg, wo wir zur Mittagspause festmachten. In der Schlosskirche studierten wir die von Luther am 31. Oktober 1517 an die Kirchentür gehefteten Thesen und erlebten zudem ein Konzert an der Ladegast-Orgel. Am Abend legten wir beim Kanuverein Coswig (vor der Fähre rechts) an und trafen auf eine bestens gepflegte Zeltwiese, ein renoviertes und mit Solartechnik ausgestattetes Bootshaus und einen umtriebigen jungen Vereinsvorsitzenden.

Beeindruckend war vor allem die Zusage, wir könnten für den kommenden Vormittag sieben vereinseigene Fahrräder kostenlos ausleihen.

Diese Fahrräder brauchten wir, um den vom linken Elbufer etwa fünf Kilometer entfernten Landschaftspark Wörlitz zu besuchen. Das einzigartige Landschaftskunstwerk ist zwischen 1765 und 1800 von Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau und seinem Berater, dem Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, gestaltet worden und zählt heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ein Besuch dort ist sehr zu empfehlen!



Bilder des Landschaftsparks


im Landschaftspark Wörlitz


auf der Coswiger Fähre

Eines der sieben vereinseigenen

Fahrräder des Coswiger Kanuclubs



Ein künstlicher Vulkan

Frühschoppen neben der Fähre


Am Abend zelteten wir in Aken beim Köthener Kanuclub, wo man uns herzlich begrüßte und die schweren Boote mit einem elektrisch betriebenen Schienenfahrzeug aus der Elbe holte. Köthener Paddler betreiben das schöne Bootshaus in Aken; Köthen selbst liegt jedoch etwa zwölf Kilometer von der Elbe entfernt. Von 1717 bis 1723 wirkte Johann Sebastian Bach als Hofkapellmeister in der malerisch gelegenen Residenzstadt. In den Diensten des musikalisch gebildeten Fürsten Leopold von Anhalt Köthen schrieb er u.a. seine sechs Brandenburgischen Konzerte.




Musik Köthen: J.S.Bach – Beginn des 5. Brandenburgischen Konzerts





Gastronomischer Tipp in Aken:

Restaurant “Zum Ratskeller” im historischen Rathaus.



Der letzte Tag schließlich brachte uns nach Schönebeck und schließlich zum Kanuclub Börde in Magdeburg, wo wir mit einem Glas Rotkäppchen-Sekt auf den Abschluss der wunderbaren Fahrt anstießen und anschließend wehmütig die Faltboote abbauten.














Wir sind uns sicher: Bald geht es weiter von Magdeburg bis Hamburg!

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